Schmerz lass nach…

Zwei Tage vor dem errechneten Geburtstermin gab mein Körper Zeichen, dass es nun bald soweit ist. Gott sei Dank sorgten die Hormone dafür, dass ich ruhig bleiben konnte. Ich war voller Zuversicht, dass alles gut werden würde. Keine Zweifel, keine Sorgen. Einen Zustand, den ich so nicht unbedingt von mir kannte, wenn ich mich mit etwas unbekannten konfrontiert sah. Normalerweise sorgte diese Ungewissheit eher für körperliche und mentale Anspannung.

Vor dieser Reaktion hatte ich Angst, denn das würde zu noch mehr Schmerzen führen. Mein Ziel war es zu entspannen und die Schmerzen zu bewältigen, denn ich wünschte mir eine natürliche Geburt ohne Einsatz von Schmerzmittel. Ich halte mich normalerweise für sehr schmerzempfindlich.

Ich lenkte mich mit dem Hören von Musik ab und wartete geduldig darauf, was als nächstes geschah. Irgendwann setzten die ersten Wehen ein, die nach einem entspannten Bad wieder verschwanden. So ungefähr würde es sich also anfühlen. Aber noch einmal bekam ich etwas Zeit. Es war ein langsames Herantasten.
Nun setzten die Wehen ein und die Schmerzen waren jenseits von dem, was ich mir hätte vorstellen können. Wir riefen die Hebamme, denn für mich war klar, bei solchen Schmerzen muss der Geburtsprozess schon ziemlich weit fortgeschritten sein. Eine Illusion, die mir schnell wieder genommen wurde.
Unsere Hebamme verglich den Geburtsverlauf mit einer Schiffsreise: «Das Schiff hat gerade erst abgelegt, sagte sie zu mir. Land ist noch lange nicht in Sicht.» Das würde also bedeuten, dass diese Schmerzen noch lange so anhalten und sogar noch schlimmer werden können.
Das Ziel nicht in Sicht zu haben und nicht zu wissen, wie turbulente der Weg wird, das war es, was meinen Körper in einen Ausnahmezustand versetzte.
Ich hyperventilierte und mein Körper versuchte den Stress durch Zittern abzubauen. Ich schnappte gierig nach Luft und musste mich übergeben.

Aber dann hieß ich meine Panikattacke willkommen und sagte ihr: «Heute nicht!!» und fing an, mich nur noch auf meinen Atem zu konzentrieren, so wie wir es im geübt haben. Ich sagte meinem Partner: „DU musst Hypnose mit mir machen.“
Mein Partner und ich wurden in den letzten Schwangerschaftswochen ein eingespieltes Team. Wir haben vor allem die letzten vier Wochen intensiv genutzt, um uns mit HypnoBirthing vorzubereiten. Ruhige Musik, Entspannungsübungen, Atemtechniken, Streichen über den Bauch und Hypnoseübungen waren feste Bestandteile der Vorsorge.
Und so folgte ich auch während der Geburt genau seinen Anweisungen, denn er hatte aus der Distanz alles im Griff. Im Gegensatz zu mir, konnte er noch einen „klaren Gedanken“ fassen.
Ich schaffte es, mich so zu entspannen und dachte an nichts anderes mehr, als an meinem Atem. Das Zittern hörte auf und die Schmerzen wurden erträglicher.
Zu merken, dass ich den Stresslevel tatsächlich durch ruhiges Atmen beeinflussen kann, gab mir die notwendige Kraft durchzuhalten.
Ich überlegte, was ich noch anders machen kann, um meinen Stress reduzieren zu können. Ich teilte mir den Vorgang in vier Phasen ein, so wie wir es auch beim Vorbereitungskurs im „Trockenen“ gelernt hatten.  Das gab mir wieder Orientierung und dem Ganzen eine Struktur. Es fühlte sich nicht mehr wie eine große unlösbare Aufgabe, sondern machbar an. Jede abgeschlossene Phase war ein kleines Erfolgserlebnis, das mir neue Kraft gab. Schon alleine diese Vorstellung bewirkte Wunder, denn meine Schmerzen wurden von Phase zu Phase erträglicher.

Nach zwölf Stunden war für uns beide der Übergang vollbracht. Wir sind im neuen Leben angekommen.

Ich war so stolz auf mich, denn meine größte Angst, die Schmerzen nicht aushalten zu können, hatte ich besiegt.