Man darf nie an die ganze Strasse auf einmal denken…

„Man darf nie an die ganze Strasse auf einmal denken, verstehst du? Man muss nur an den nächsten Schritt denken, an den nächsten Atemzug, an den nächsten Besenstrich.“*

Die Vision
Wir wollten unbedingt eine natürliche Geburt, ohne medizinische Eingriffe. Ausserdem war ich fest entschlossen die Geburt ohne Schmerzmittel durchzustehen. Daher kam die Idee den HypnoBirthing Kurs zu besuchen und uns im Geburtshaus anzumelden.

Es tat uns gut, uns neben dem Alltagsstress an den vier Kursabenden gemeinsam die Zeit zu nehmen, uns mit dem Thema Geburt zu befassen. Die Entspannungsübungen und die fachliche Aufklärung darüber, wie die Geburt abläuft und welche Eingriffe es geben kann, waren sehr hilfreich. Mein Mann und ich diskutierten viel darüber, wie wir uns die Geburt vorstellten und welche Eingriffe wir in welchen Situationen gut heissen würden.

Dann ging’s los
Als ich am 14. Januar 2015 – ich war in der 38. Woche schwanger – um 1 Uhr Nachts aufwachte, um auf die Toilette zu gehen, merkte ich, dass meine Fruchtblase geplatzt war. Ich weckte meinen Mann. Da ich noch keine Anzeichen von Wehen hatte, beschlossen wir weiterzuschlafen und am nächsten Morgen Andrea, unsere Hebamme, anzurufen.

Entspannen, entspannen, entspannen…
Um 7 Uhr Morgens hatte ich immer noch keine Wehen und Andrea empfahl mir, mich auszuruhen und zu entspannen. Wir vereinbarten einen Termin für 10 Uhr im Geburtshaus. Dort untersuchte sie mich. Mein Gebärmuttermund war geschlossen und so schickte sie uns wieder nach Hause und meinte, wir sollen uns weiterhin entspannen um Kräfte zu sammeln, da die Wehen sicherlich bald einsetzen werden.
Wieder zu Hause angekommen kochte mir mein Mann einen Frühstücksbrei mit viel Zimt, Kardamom und Ingwer. Wir machten die Entspannungsübungen, die wir im HypnoBirthingkurs gelernt hatten und mein Mann massierte mich. Erst im Nachhinein wurde mir klar wie wichtig diese entspannte Phase für die Geburt gewesen war.

Ein Atemzug, ein Besenstrich
Die Zeit verging schnell und um 16 Uhr setzten langsam die Wehen ein. Sie wurden zunehmend intensiver. Mein Mann rief Andrea an und informierte sie. Als sie um 18 Uhr zu uns nach Hause kam, war der Muttermund 2-3 cm offen. Mit Hilfe der Entspannungsatmung konnte ich mich zwischen den Wehen tatsächlich entspannen und Kraft für die nächste Wehe sammeln. Ich musste an das Bild des Strassenkehrers in Michael Endes ‚Momo’ denken, das unsere HypnoBirthing Kursleiterin Kerstin uns mitgegeben hatte: Schritt – Atemzug – Besenstrich… Schritt – Atemzug – Besenstrich…

Die Helden an meiner Seite
Andrea und mein Mann waren immer abwechselnd an meiner Seite. Ruhig, geduldig, mitatmend.
Um 20 Uhr war mein Gebärmutterhals 4-5 cm offen: offiziell der Geburtsstart. Wir fuhren ins Geburtshaus. Die Wehen wurden nochmals intensiver und um 22.30 Uhr  war mein Gebärmuttermund ganz offen. Safak, die zweite Hebamme, hatte das Geburtsbecken vorbereitet. Das warme nach Ylang Ylang duftende Wasser und die ruhige, entspannte Atmosphäre halfen mir, mich in den Wehenpausen, die immer kürzer wurden, zu entspannen.

Ein Mädchen!
Um 23.10 Uhr konnte ich den Kopf meines Kindes mit meinen Fingern ertasten. Ein unglaubliches Gefühl! Es folgten heftige Wehen mit einem intensiven Pressdrang.
Um 23.37 Uhr kam unsere Tochter zur Welt. Ich konnte sie sogar mit meinen Händen empfangen.
Wir waren zutiefst gerührt von dem Wunder der Geburt und dem kleinen Menschen, der etwas verwundert dreinblickte und zu schreien und atmen begann.

Wir bekamen Zeit für uns. Wie gut so ein Neugeborenes riecht! Wie klein und zerbrechlich sie war! Und gleichzeitig mit welcher Entschlossenheit sie sich selbständig auf den Weg zu meiner Brust machte!
Nachdem ich geduscht hatte, fuhren wir um 4.30 Uhr nach Hause.  Wir versuchten zu schlafen. Aber immer wieder wachten wir auf, um unsere bezaubernde kleine Tochter, die wir zwischen uns gelegt hatten, anzusehen und ihr beim Atmen zuzuhören.

* Aus dem Buch „Momo“ von Michael Ende