Meine Hausgeburt – einfach wundervoll

Es war bereits der sechste Tag über dem errechneten Geburtstermin, als vielleicht der Vollmond und dazu noch ein Gewitter die Geburt starten liessen. Am frühen Abend während der Vorbereitungen fürs Nachtessen überkam mich plötzlich der Gedanke „Meine Schwangerschaft ist jetzt vorbei. Jetzt geht’s los!“ Wahrscheinlich spürte ich da auch die hormonelle Umstellung meines Körpers, denn mir schossen unweigerlich die Tränen in die Augen. Ich war traurig und spürte, es war ein Moment des Abschieds von dem wunderschönen Gefühl, mein Baby im Bauch zu tragen.
Schon einen Augenblick später begannen die Wellen, zum Teil recht kräftig und in unregelmässigen Abständen. Das ging den ganzen Abend so, auch nach einem späten Bad ging es kontinuierlich vorwärts.
In der Nacht hatte ich ein starkes Bedürfnis allein zu sein und zog mich ins Büro zurück. So konnte ich am besten in diese Intensität eintauchen, in die sich mein Körper nun begab. Die Konzentration auf die Atmung war dabei das wichtigste und die Konzentration auf das Gefühl zu schweben, zu fallen und zu fliessen. Dann müssen die Wellen schwächer geworden sein, ich konnte dadurch immer wieder einschlafen. Mein Körper sammelte alle Kräfte. Es waren sicher nur kurze Nickerchen aber sehr erholsame und für mich war es schön zwischen Wachsein und Schlaf zu pendeln. Das hatte ich auch in den letzten Wochen jeden Abend geübt.

Gegen halb fünf am Morgen rief ich meine Geburtsbegleiterin Raphaela an. Als sie dann kurze Zeit später bei mir war, waren die Kontraktionen bereits wieder recht stark. Ich hatte mich mit Raphaela auf die Geburt vorbereitet und sie wusste welche Hypnose bei mir gut wirkt. Sie hat dafür gesorgt, dass ich mich immer tiefer sinken lassen konnte.
Ich habe dabei die Kontraktionen als gewaltige Wellen erlebt, die mich einfach mitrissen und dann ganz oben auf der Welle, wenn die Kontraktion am stärksten war, ging es plötzlich über in eine Talfahrt der Entspannung. Dieses Gefühl der Entspannung im ganzen Körper, war ein unglaublich schönes Gefühl. Ich musste nicht viel dafür tun, als es einfach zuzulassen. Wieder konnte ich zwischen den Wellen schlafen, dabei hatte ich das Gefühl mindestens 20 wenn nicht sogar 30 Minuten jeweils geschlafen zu haben. Raphaela, die mich während dessen sehr sanft massierte, versicherte mir, dass die Wellen in fünf bis maximal 10 minütigen Abständen kamen. Während ich auf Toilette war, richtet Raphaela den Raum erst richtig ein. Da es bereits hell war, zog sie die Jalousie zu, stellte Kerzen auf, machte Musik an. Als ich den Raum betrat, fühlte ich mich einfach geborgen, jetzt war es zu meiner „Geburtshöhle“ geworden.

Gegen sieben wurde auch mein Partner wach und unsere grosse Tochter. Wir frühstückten alle gemeinsam. Dabei waren die Wellen zwar weiter kräftig und ich musste mich immer wieder auf meine Arbeit konzentrieren, zwischendurch war ich aber sehr wach und munter. Wir entschieden, unsere Tochter zu einer Freundin zu bringen und die Hebamme zu informieren. Gegen halb zehn war Christine meine Hebamme bei uns. Ihre Untersuchung zeigte, dass die Wellen schon recht effektiv waren, der Muttermund hatte sich bereits 6 cm geöffnet. Ich konnte es gar nicht so richtig glauben, da ich irgendwie seit Beginn am Vorabend und auch während der Nacht und am Morgen immer das Gefühl hatte, dass die Wellen noch stärker werden würden und dass es erst der Anfang sei. Aber im Nachhinein habe ich gemerkt, dass dies auch eine Strategie war, um mit diesen starken Kräften umzugehen. Ich sagte mir nämlich während dem gesamten Geburtsverlauf immer „Das wird noch viel stärker, das ist erst der Anfang“.

Christine war sich sicher, dass dies nicht mehr nur der Anfang der Geburt sei und sie überlegte, ob sie noch einen Termin im Geburtshaus wahrnehmen könne. Aber ich versicherte ihr, dass es mir sehr gut gehe und das es sicher noch einige Stunden dauern würde. (Ich hatte ja immer dieses Gefühl: das ist nur der Anfang…) Gegen 11 Uhr nahm die Intensität der Wellen wieder ein Stück weit zu. Ich spürte auch einen starken Geburtsschmerz während den Wellen, wartete aber förmlich immer auf die einsetzende Entspannung, dieses Gefühl der totalen Losgelöstheit, wenn der Höhepunkt der Kontraktion erst einmal überschritten war. Dazu wurde ich nun von vier Händen (Raphaela und mein Partner) sehr sanft massiert, entspannt und gehalten. Ich genoss diesen Luxus und fühlte mich so gut dabei.
Dann kam wieder dieses bekannte Gefühl und das Bedürfnis allein zu sein und mich zurückziehen zu wollen, wie auch schon in der Nacht.

Als ich allein war, dauerte es nicht lange und die Fruchtblase ging auf, aber es kam nicht allzu viel Wasser heraus. Wir haben also Christine informiert und gegen 12 Uhr war sie wieder bei uns.
Zu dieser Zeit hatten die Wellen eine Stärke erreicht, wo ich sie tönend und stöhnend am besten verkraften konnte. Aber auch dabei blieb dieses Gefühl der absoluten Entspannung zwischen den Wellen. Die Wellen waren hoch und stark aber das Tal der Entspannung wurde aber auch gleichzeitig tiefer und ich konnte es gut zulassen. Ich spürte, wie sich mein Körper öffnen wollte. Als Christine wieder da war, hat sie den Herztönen mit einem Hörrohr gelauscht. Es war alles in Ordnung. Den Muttermund brauchte sie nicht mehr zu untersuchen, sie wusste, als sie mich sah, dass die Geburt kurz bevorstand.
Sie hat meinem Partner nur noch ein paar wenige Instruktionen gegeben, wie Handtücher in Backofen legen etc.

Nachdem ich fast die ganze Zeit über immer gelegen hatte, wollte ich plötzlich hoch und mich aufrichten. Ich setzte mich also hin. Raphaela sass hinter mir. Ich hielt mich auch gleich nach hinten gebeugt an ihr fest. Dann überkam mich auch schon dieses Achterbahngefühl wie auch schon bei meiner ersten Geburt. Ich konnte nichts mehr denken, liess mich nur noch von diesem Strudel der Kräfte mitnehmen.
Dabei wurde ich ziemlich laut, aber das Schreien zu unterdrücken war zwecklos. Dieses Gefühl, wie sich das Köpfchen den Weg bahnt war einfach unbeschreiblich. Dann war das Köpfchen auch schon da, ich konnte es spüren und sehen und dann wollte ich gleich weitermachen. Ich liess alle Kraft weiter durch meinen Körper ziehen, so dass auch der Körper meines Babys gleich und ohne Pause mit viel Fruchtwasser hinterherkam.
Die Kleine lag auf den Händen der Hebamme. Ich sah auf mein kleines Baby und war einfach nur überwältigt und entzückt. Ich nahm sie zu mir und war überwältigt vor Freude und Glück. Ich kann mir keinen schöneren und grösseren Moment auf der Welt vorstellen, als wenn man so ein kleines Geschöpf zum ersten Mal in die Arme nimmt.

Ich bin so dankbar, dass ich eine solche Geburt erleben durfte! Ich danke meinem Partner für sein Vertrauen und seine Nähe während der Geburt, Raphaela, dass sie mich so sicher mit den Hypnosen geleitet, unterstützt und mit ihren Händen wundervoll verwöhnt hat und Christine für ihr spürbar unerschütterliches Vertrauen in den natürlichen Lauf der Dinge und der Geburt und dass sie alle meine Wünsche respektiert und zu deren Umsetzung beigetragen hat.
Ich freue mich schon jetzt darauf, meinen beiden Töchtern einmal sagen zu können, dass ihre Geburten das schönste und grösste war, dass ich erleben durfte.

Kerstin Weissköppel, Mai 2012