LOVIS – EIN BERICHT VON MUTTER UND VATER

Erfahrung der Mutter

Als erstes ein Grosses Danke an Raphaela Hasler, die uns mit einem Hypno-Birthing Kurs auf die Geburt vorbereitet hat und an die Hebamme Nadia Ruchti, die uns vor, während und nach der Geburt begleitet hat. Dank diesen beiden Frauen hatten wir den Mut zuhause zu gebären.

Dank euch ist die Geburt von Lovis zu einem wunderschönen, stärkenden und verbindenden Erlebnis geworden. Danke!

Am zweiten Tag nach dem Termin entschieden wir gemeinsam auswärts zu essen. Ich hatte das Bedürfnis aus dem Haus zu kommen um die Gedanken zu befreien. Es gab für beide nur noch das eine Thema. Nach einem ausführlichen Spaziergang in strömendem Regen und einem Glas Rotwein zum Apéro, gings zum Essen. Beim dritten Gang spürte und hörte ich ein lautes „Plopp“ in meinem Unterleib. Ich hoffte es sei was ich meinte, das Loslösen des Schleimpfropfs, war aber durch die Stärke verunsichert und wollte schnell nach Hause um die Herztöne von Lovis zu untersuchen. Zuhause angekommen legte Jaco sein Ohr an meinen Bauch, wie er es Ende Schwangerschaft oft tat um die Herztöne zu hören, und bestätigte mir, dass alles in Ordnung ist.
Am Samstag erschien der Pfropf tatsächlich. Weiss, milchig, gelée-artig. Die Vorfreude kam, die Stimmung war gut. Es tat sich was.
„Wellen anlocken“ (Wellen = Wehen) war an diesem Tag angesagt. Ich trank viel Chai, wir liefen alle Treppen im höchsten Warenhaus in Bern um im obersten Stock einen Hosenknopf zu kaufen (ich hatte die Tage davor angefangen eine Hose für Jaco zu nähen), wir hatten wunderschönen Sex, Jaco kochte was Gutes zum Znacht und zuletzt schauten wir einen Film.

Mitten in der Nacht erwachte ich (es war wahrscheinlich etwa 4.30h), diesmal jedoch nicht wegen voller Blase, sondern wegen den ersten Wellen. Sie waren sanft und ganz anders als die Vorwehen. Ich fühlte sehr genau den unteren Rund der Gebärmutter. Die Wellen waren noch unregelmässig und scheu wie junge Rehe. Ich beobachtete sie gespannt und mit viel Vorfreude. Wahrscheinlich würde heute der Geburtstag sein von Lovis. Ich ging auf die Toilette, doch dann hörten sie auf. Schnell ging ich wieder ins Bett um den scheuen Rehen das Gefühl zu geben unbeobachtet zu sein.
Irgendwann überkam mich der Hunger. Ich wartete die nächste Welle ab, ging in die Küche und ass eine Schale Dinkelpops. Jaco liess ich schlafen. Die nächste Welle überkam mich in der Küche. Ich hatte also nicht geträumt, der Geburtsverlauf hatte tatsächlich begonnen.
Um 7 etwa erwachte Jaco. Ich sagte ihm, dass es angefangen hat und es kribbelte ihn im ganzen Körper vor Freude. Am liebsten hätte er gleich alles bereit gemacht. Ich bremste ihn jedoch und wir verbrachten weitere 2 Stunden im Bett ruhig beobachtend. Er wollte genau wissen wie es sich anfühlt. Unterdessen hatte sich das Gefühl in den unteren Rücken verschoben, wie Menstruationsschmerzen. Es hat auch angefangen leicht zu bluten. Jaco benachrichtigte die Hebamme Nadia Ruchti.

Die Pausen zwischen den Wellen waren noch lange, so dass ich jedes Mal verunsichert war, ob es nun wirklich angefangen hat. Um 9 assen wir ausgiebig „Zmorge“ und gingen gleich wieder ins Bett. Die Wellen begannen nun stärker zu werden und es war einfacher sie im Vierfüssler-stand durchzuatmen und dazu runde Bewegungen mit dem Becken zu machen. Dazwischen legte ich mich wieder hin und döste. Jaco fand es in höchstem Masse sinnlich was da vor sich ging. Das gab mir Kraft.
Etwa um 10 begann Jaco die Wohnung zu putzen. Er machte alles bereit. Um den Mittag füllte er das Becken mit Wasser. Wir hatten es in der Küche aufgestellt. Ein gelbes Tuch vor dem Fenster verlieh dem Raum ein warmes und gedämpftes Licht. Das wechseln ins warme Wasser gab mir grosse Erleichterung.

Jaco kochte Rondini. Die Wellen kamen schon so oft, dass es dazwischen für nicht mehr als drei Gabeln reichte. Nun wollte ich dass Nadia kommt. Ich wollte wissen wie weit der Muttermund geöffnet ist. Nach dem Telefon führte mich Jaco durch eine Hypnose wie wir sie im Kurs gelernt haben und in den letzten beiden Schwangerschaftsmonaten geübt haben.
Um 2 war Nadia da. Sie freute sich über die Stimmung bei uns, beobachtete wie ich eine Welle durch atmete und durch bewegte und fand, dass ich es sehr gut mache. Das stärkte mich. Ihre Untersuchung ergab, dass die Herztöne von Lovis ruhig waren und der Muttermund halb offen. Die Fruchtblase drückte bereits durch die entstandene Öffnung.

Gegen 6 Uhr bekam ich eine Krise. Ich war erschöpft und hatte Hunger. Die Wellen waren jedoch so kurz nach einander, dass es jeweils knapp für ein paar Crackers reichte. Nadias Untersuchung ergab, dass der Muttermund nun ganz geöffnet war. Die Herztöne von Lovis weiterhin ruhig. Ich dürfe nun auch mal mit schieben, wenn ich das Bedürfnis danach habe.
Jaco war immer bei mir und wusste genau was ich brauchte. Oft zog er mich während den Wellen an den Armen hoch oder legte seine Hand an meinen unteren Rücken.

Der Kopf war nun im Kanal, die Fruchtblase immer noch ganz. Jaco sang während den Wellen tiefe Töne mit. Dies half mir stimmlich an den richtigen Ort im Körper zu gelangen. Es half los zu lassen und strahlte Wärme und Sicherheit aus. Etwa Mitte Kanal platzte die Fruchtblase. Das Fruchtwasser war klar. Nun konnte ich selbst den Kopf spüren.
Nadia wärmte Tücher im Ofen auf um dann Lovis warm einpacken zu können. Dies gab mir den Eindruck ich sei nur noch wenige Wellen entfernt, doch es sollte noch eine Weile dauern.

Der Kopf wollte nicht über das Schambein. Nadia schlug neue Stellungen vor. Ich war zu erschöpft um zu spüren welche Stellung die geeignete wäre. Sie halfen mir aus dem Wasser. Ich schlotterte. Sie gaben mir Kleider und ich sass auf dem Mayahocker in der Küche. Endlich gaben mir die Wellen eine Pause. Ich weiss nicht wie lange, aber ich döste weg und tankte für den letzten Schub. Nach einer weiteren Welle wollte ich aufs Bett. Nichts mehr war bequem. Liegend, Vierfüssler-stand, Mayahocker. Schlussendlich stand ich, mich am Mayahocker haltend, die Knie angewinkelt und da plötzlich gings über den Knochen. Der Kopf war nun sichtbar. Ich wechselte auf die Knie zum Bett gewendet, Jaco’s Hand haltend und in die Matratze schreiend. Etwa vier Mal flutschte sie wieder zurück. Nadia gab mir warme Kompressen. Dann gings über den Damm und plötzlich höre ich ein Weinen in meinem Geschrei. Sofort verstummte ich und lauschte. Sie war fast da. Eine weitere Welle und sie war ganz da. Nadia legte sie zwischen meine Knie und sie weinte.

Es war alles so unwirklich. Sie wirkte wie von einem anderen Stern. Ein anderes Wesen.
Ich legte mich hin und sie legten Lovis auf meinen Bauch. Jaco durchtrennte die Nabelschnur, welche bereits auspulsiert hatte und schon begann sie zu suchen. Dann saugte sie unendlich lange an meinen Brüsten.

Erfahrung des Vaters

„Ich glaub‘, es hat angefangen..“ die ersten Worte die ich an diesem Sonntagmorgen höre.

Ich freue mich, noch ein wenig schlaftrunken, frage ob schon lange „so zwischen halb fünf und fünf…“. Jetzt ist sieben Uhr. Wir kuscheln uns nochmals zusammen und dösen in den Morgen hinein. Die nächste Welle glaube ich sanft mit zu fühlen – es hat wirklich angefangen. Mir erscheint kurz ein eigenartiges Bild eines Babygesichtes, fröhlich, frech mit langer Stupsnase, blauen wachen Augen und Pausbacken, die mit einem feinen Adern-Netz überzogen sind.
Danach telefoniere ich zum ersten Mal mit der Hebamme.

Der Schlaf weicht immer mehr einer aufgeregten Vorfreude, Neugier wie es sich wohl anfühlt, vielleicht kann ich ja bereits etwas tun, das Bad einlassen oder eine Hypnose vorlesen, im Betrieb sagen, dass ich nicht arbeiten komme heute Abend..
„Vorerst mal frühstücken.“ – Stimmt. Nichts überstürzen es ist Sonntagmorgen, draussen ist es grau, kein Wetter zum rausgehen und wir haben alle Zeit der Welt.
Mit vollem Magen schaue ich Sie neugierig an, vielleicht kann ich ja bei der nächsten Welle zusehen..
„Sie sind scheu wie junge Rehe, wenn man sie beachtet, verschwinden sie“, sagt Sie auf dem Sofa liegend, also gehe ich duschen.

Frisch geduscht und wieder im Bett, massiere ich ihr den Damm. Das Gewebe fühlt sich an wie ein Sack voll Gelée, nach kurzer Zeit höre ich auf. Die jungen Rehe sind schon nicht mehr ganz jung und nicht mehr so scheu. Es hat etwas erotisches, wie Sie sich auf dem Bett halb zugedeckt in der Welle räkelt und leise stöhnt. Die nächste Welle kommt mit noch mehr Sinnlichkeit aber auch mit mehr Intensität und für einen kurzen Augenblick kann ich die Grösse des Ereignisses erahnen.
Ich lasse das Bad ein, dunkle das Fenster in der Küche ab und hole ein paar Kerzen.
Dann kommt Sie in die Küche und steigt ins Bad.
„Jetzt kannst du ihnen glaub ich sagen, dass du nicht mehr arbeiten kommst.“ – Das Telefon und die Stimme am anderen Ende sind enorm weit weg. Viel mehr als „ich komme in nächster Zeit nicht arbeiten. Es ist unterwegs.“ bringe ich nicht heraus. Es zieht mich wieder in die Küche, zum Bad, zu Ihr.
Die Zeit hört auf zu vergehen.
Ich schaue Ihr zu, bin da, gebe zu trinken, koche etwas kleines, stütze, halte, die Wellen kommen und gehen.
Aus den Rehen werden junge Hengste.

Ich lese Ihr vor, Sie entspannt sich, wir essen ein wenig.
Dann klingelt die Hebamme.
Ich geh nach unten um zu öffnen, merke wie sich eine Alltagsmaske auf mein Gesicht legt, begrüsse die Hebamme, bitte sie nach oben und schaue, dass ich wieder in die Küche komme, zu Ihr. Für einen kurzen Moment habe ich Mühe, den Wechsel von Aussenwelt wieder hin zu diesem intimen ekstasischen Ereignis zu machen. Die Hebamme fragt jedoch nicht all zu viel, was es mir leichter macht wieder einzutauchen, in diese zeitlose, sinnliche Welt, die immer intensiver wird.
Salziges zu knabbern geben.. beistehen.. ihren Körper stützen.. lüften.. da sein.. warmes Wasser nachfüllen.. zu trinken geben.. das meiste geschieht wie von selbst. Obwohl ich es bin, der es macht, habe ich das Gefühl, es einfach geschehen zu lassen. Ich merke, wie mir vor lauter Freude und Überwältigung Tränen in den Augen stehen.

Von den jungen Hengsten ist nichts mehr übrig, sie sind einem unbeschreibbaren Urtier
gewichen, heftig wie ein Gewitter und gleichzeitig gemächlich wie ein Wal. Die Sonne scheint kurz rein, ein Überbleibsel meiner inneren Uhr und sagt mir, dass es Abend geworden ist. Mittlerweile sind die meisten Positionen ungemütlich. Die zweite Hebamme klingelt. Während wir kurz allein sind, kommt eine weitere Welle. Ich halte Sie, Sie zittert ein wenig, dann gibt es einen Knall, schwer zu beschreiben ob hör- oder nur spürbar, wie aus einem zerplatzten Wasserballon strömen kleine rosa
Fetzchen zwischen Ihren Beinen hervor und es fängt an, nach Körperwärme, frischem Schweiss und Sex zu riechen.
Immer wieder taucht der Hunger auf, macht uns müde und die Intensität nimmt immer noch zu. Ein kurzer Augenblick wird es Ihr zu viel, zu gross, ein tiefes Summen kommt aus meiner Kehle und stimmt in ihr Stöhnen ein, unterstützt und beruhigt sie, die Tiefe nimmt der Welle die Spitze.

Es wird zu unbequem.
Müde und auf beiden Seiten gestützt steigt Sie aus dem Bad auf den Hocker. Sie sieht recht mitgenommen aus, wie Sie fast nicht stehen kann, die Augen bleiben kaum offen und sich zitternd auf den Hocker setzt. Die Hebamme holt Ihr den Pullover, kurz danach – „ich habe heiss“ – das weite weisse Hemd.
Sie sieht schon wieder besser aus, die kurze Pause auf dem Hocker tut gut. Doch auf dem Hocker scheint es auch nicht recht bequem zu sein, kurz hinlegen wäre schön, wir gehen zum Bett, aber liegen ist auch nicht das Wahre. Das Schlafzimmer jedoch passt, also doch auf dem Hocker und immer wieder kommen Wellen, anstrengende Wellen.
Dann steht Sie auf einmal aus eigener Kraft auf, und schiebt mit einer Urkraft nach unten, ein Teil von Ihr erschrickt ab dieser Kraft, ich auch. Die Schwelle kommt mit jeder Welle näher, das Tor wird immer mehr aufgestemmt, mit dieser Urkraft ausgedehnt, mir laufen die Tränen, ich schaue kurz hin, vielleicht sehe ich ja etwas – Blut.

Ich summe mit der Welle.
Die Rose öffnet sich.
Ich halte ihr Arme.
Ihre Hände.
Die Schwelle ist da.
Ich weine.
Sie schreit.
sie schreit auch.
Wie von einem anderen Stern liegt sie da, mit einem bläulich-silbernen Schimmer auf der
Haut, wunderschön. Sie atmet und alles ist anders.