Stärkende und heilende Geburt nach zwei Geburtstraumatas – fast zuhause

Bei der nächsten Welle fing ein Ton an. Von ganz alleine, von ganz tief in mir drin. Die Geburtshebamme rief mich vom Lavabo weg auf das Bett in den Vierfüssler. Ich wusste, was das bedeutete, bald würde unser Kind kommen. Nun ging es in die letzte Phase. Ich war an dem Punkt, den ich mir seit fast elf Jahren so sehnlichst wünschte: die Geburtsphase.
Aber das war aber gar nicht möglich: Zehn Minuten vorher war der Muttermund doch erst auf 6 cm offen, also gut die Hälfte und das nach 30 Stunden. Zwei Stunden vorher erst auf 2 cm. Und jetzt da gab es keine Gedanken mehr, kein ich mag nicht mehr, keine Angst. Pure Zuversicht, das urtiefe Wissen, dass alles gut ist und gut kommt. Der Ton wurde lauter. Bei jeder Welle schrie ich aus Leibeskräften. Aber nicht, weil ich Schmerzen hatte. Keineswegs. Es tat überhaupt nicht weh. Es war pure Vollkommenheit, was passierte. Ich spürte wie das Kind sich weiter nach unten und nach aussen bewegte. Ich presste aus Leibeskräften. Ein Schrei, der sich von der Erde zum Himmel erstreckt. Mein Mann stand neben mir, unterstützte mich und war dem Schreien und dem Pressen gegenüber positiv eingestellt. Die Geburtshebamme liess den Raum für dieses unglaubliche Schreien.
Ich hatte auf einmal so viel Kraft, wo ich doch vor einer halben Stunde nur zitterte am ganzen Körper und einfach nur erschöpft war, nach mehr als 24 Stunden Eröffnungswellen. Vor einer halben Stunde konnten mein Mann und die Geburtshebamme mich noch dazu bringen, die PDA loszulassen und weiterzuarbeiten. Nun genoss ich jede Welle, jedes Pressen, die totale physische Arbeit: mein Ich nur Körper. Ähnlich einer Kuh; sehr ursprünglich, sehr animalisch. So viel Power. Ganz tief in mir drin. So viel Weiblichkeit von mir. Die Geburtshebamme sagte, dass ich jetzt sicherlich Angst hätte, dass ich das aber nicht müsste. Kein Funke Angst – Gewissheit empfand ich.
Ich spürte ganz genau, wo mein Kind sich befand, nun würde es seinen Kopf aus meiner Höhle (unser Wort für Scheide) strecken, dann wieder zurück und dann wieder heraus. So, wie es Raphaela im Kurs gezeigt hatte, genau das spürte ich jetzt.
Ewig mochte ich nicht mehr, noch drei Mal hab ich zu mir gesagt und dann ist dein Kind da. Drei Mal schaff ich noch. Es waren dann noch fünf oder sechs Wellen. Dann lag mein Kind unter mir, verbunden mit mir über die Nabelschnur. Sie machte den schönsten Ton, den ich je gehört habe. Mein Herz geht mir auf, wenn ich jetzt noch an diesen Ton denke. Er ist ganz tief in meinem Herzen gespeichert. Der erste Ton meines dritten Kindes. „Ich habe es ganz selber geschafft, ganz selber geschafft“, wiederholte ich immer wieder.

!Viel Arbeit lag hinter mir, als wir am 16. März 2015 gegen halb neun Uhr abends die Uniklinik betraten. Nach einem vorangegangenen Kaiserschnitt hatte unser Hausgeburtshebamme kein gutes Gefühl mehr, einfach zuzuwarten wegen der Narbe, nachdem ich schon über 24 Stunden regelmässige Wellen hatte. Und nun waren wir im Unispital.

Wir wurden nicht freudig empfangen. Verantwortungslos fanden sie es, dass wir nach einer Saugglocke und nach dem Kaiserschnitt eine Hausgeburt machten. Wir bekamen es nicht mit, unsere Hausgeburtshebamme federte das ab für uns. So konnten mein Mann und ich uns damit beschäftigen nach den vielen Stunden Zuhause nun in einem Untersuchungszimmer der Uniklinik angekommen zu sein. Unsere Hausgeburtshebamme blieb so lange, bis ich genug verbunden war mit der neuen Spitalhebamme. Bevor sie ging gegen 22 Uhr, war der Muttermund noch immer auf zwei Zentimeter geöffnet. Nach fast 30 Stunden. Alle 3 bis 5 Minuten eine Welle. Ich konnte gut in sie hineinatemen, war ganz bei mir als sie kam und als sie sich wieder zurückgezogen hatte, war ich wieder voll da. Dass solche Wellen mein Kind nicht zu mir bringen würden, das war mir bewusst. Doch es kamen über 30 Stunden keine anderen. Trotz Visualisierung, trotz Hypnose, trotz Einlauf, trotz Akkupunktur.

!Ich kannte das Vorgehen der „bösen Schulmedizinischen Geburtshilfe“. Ich wusste, dass ich mir nun wieder anhören musste, meine Wellen seien zu schwach. Also ich war in meinem Frausein zu schwach, ein Kind zu gebären. Schon wieder. Zum dritten Mal. Ich kannte den

Weg schon von meinem ersten Kind: Oxitocin intravenös, dann würde es zu sehr weht tun, weil es nicht von mir kommt, dann würde es nur noch den Weg der PDA geben und dann den Dammschnitt mit Saugglocke. Nicht spüren und nicht mitarbeiten, wie mein Kind kommt. Keine richtige Frau.

Doch die Spital-Hebamme sagte, dass sie immer wieder Frauen sehe, die ihr drittes Kind bekommen würden und es einfach nicht einhänge. Sie würde mir nun Homöopathie geben, wenn ich möchte und ein Dampfbad mit Ylang Ylang bereitstellten. Nach 30 Stunden, einer ersten Vakuumgeburt und einem Kaiserschnitt sprach sie von Homöopathie und Aromatherapie und das im Spital? Sie glaubte, dass ich es trotz dieser Vorgeschichte schaffen würde? Mein Mann und sie glaubten daran und unterstützen mich. Denn während der zwei vorangegangenen Geburten, sowohl beim Vakuum als auch beim Kaiserschnitt glaubte niemand an mich, als ich nicht mehr an mich glaubte. Niemand war da, der mich in dieser Zeit unterstützte, weder eine Hebamme, noch mein damaliger Mann. So war ich sogar in die Situation gekommen unter der zweiten Geburt, da der Dammschnitt und das Vakuum so schlimm waren das letzte Mal, dass ich so etwas nicht nochmal durchmachen wollte. Deshalb verlangte ich damals im Geburtshaus eine Verlegung in das Spital für einen Kaiserschnitt. Es gab keinen medizinischen Grund dafür. Es war mein Fluchtinstinkt. Ich wollte weg. Von nichts mehr etwas mitbekommen und mich einfach tot stellen. Vollnarkose und dann wollte ich einfach das Kind haben. Leider hat mich niemand davon abgebracht, mich niemand abgeholt und geschaut, was ich wirklich will und fühle und so kam mein Zweitgeborener per Kaiserschnitt. Grundlos.

!Um 22.15 nahm ich die ersten Kügelchen ein. Der Muttermund war auf 2 cm offen. Drei Stunden später war unsere Tochter da. Kurz nach der Einnahme der ersten Kügelchen hängte es ein. Nach einer Stunde ging es voll ab: Die Dampflokomotive in mir drin setzte sich in vollen Gang. Heftigste Eröffnungswellen überkamen mich. Entspannung zwischen den Wellen wurde zuerst sehr schwierig und dann unmöglich. Gegen Ende der Eröffnungsphase war ich vollkommen versteift im Körper. Ein innerer Krampf auf der linken Seite. Das tat weh. Nicht die Welle, die Verkrampfung. Es fühlte sich auch fast mehr wie ein Orkan an, der mich überkam, denn eine Welle. Er kam, riss mich innerlich auf und verzog sich wieder, um sich dann erneut aufzubauen. Unglaublich. Zurückblickend ist es verständlich, denn innert zirka einer Stunde öffnete sich der Muttermund um 8cm und das Kind senkte sich ins Becken. Es war ganz anders als geübt, visualisiert, vorgestellt und besprochen. Doch da es nicht lange war, ist es ganz in Ordnung. Hätte ich damals gewusst, dass es in dieser Heftigkeit nur so kurz geht, hätte ich mich bestimmt besser hingeben können. Eine innere Hingabe an den Schmerz.

!

Da ich zwei traumatische vorangehende Geburten hatte, wusste ich, dass wenn ich mit einer anderen Energie als Angst und das Gefühl des Versagens in die Geburt gehen wollte, ich ganz, ganz viel arbeiten muss. Bereits in der 10. Woche nahm ich Kontakt auf mit der Hausgeburtshebamme, die sich bereit erklärte, trotz vorangegangener Sektio mich und uns zu begleiten. Schon mit einem ganz kleinen Bauch besuchte ich den Hypnobirthing Informationsabend, das Buch hatte ich schon vorher gelesen und mir auch das Buch von Grantly Dick-Read besorgt. Ich las es immer wieder. Täglich atmete ich für mich, mit meinem Mann, machte Hypnoseübungen, malte meinen Heilungsraum, machte die Geburtsaffirmationen und war einzig schwanger und bereitete mich auf die Geburt vor. Während Monaten.

Es hat sich gelohnt. Es war so herrlich. Ich bin nun so gestärkt. Ich stehe anders in der Welt, in meinem Frausein und in meinem Körper. Ich weiss welch unglaubliche Kraft in mir steckt.

In uns Frauen steckt. Es war so unglaublich, dass ich noch ganz viele Geburten erleben möchte.

Im Nachhinein ist mir die Lautstärke etwas peinlich. Doch es war so wichtig. Ich habe erst jetzt das Gefühl, wirklich auf der Erde angekommen zu sein. Ich bin viel geerdeter seither. Herzens gerne hätte ich Zuhause geboren. Auch wenn der Geburtsort unserer Tochter nicht der ist, den ich mir so sehnlichst wünschte, ist die Geburtserfahrung selbst so, wie ich sie mir wünschte. Trotz Spitalumgebung war es so heilsam. Es ist und bleibt ein kleiner Schmerzkörper, dass der Ort nicht nach meinem Willen ging. Doch es wird mit unserer Tochter immer wieder nicht nach meinem Willen gehen.

Die Hausgeburtshebamme meinte, ein nächstes Mal würde es auch Zuhause klappen…

!Etwas ganz tolles an Hypno-Birthing ist die Rolle des Mannes: aktiv. So trennend die ersten zwei Geburten zu meinem damaligen Mann waren, so einend ist nun diese Geburt zu meinem tollen Mann. Das werde ich ihm nie vergessen.

Ich trage diese Erinnerung gespeichert in meinem Körper und in meinem Herzen. Immer wieder reise ich in Gedanken in die Geburt zurück und geniesse es. Am liebsten möchte ich noch ganz oft gebären. Aber sicherlich noch einmal…