HypnoBirthing und Kaiserschnitt

Nach langen Tagen des Wartens kamen am Montagmorgen um sechs endlich die ersten Wellen. Es waren erst kurze, wenig starke Wellen, die ich gut veratmen konnte. Da die Abstände jedoch rasch kürzer und die Wellen intensiver wurden, nahmen wir gegen zehn Uhr Kontakt mit unserer Hebamme auf. Sie riet mir, Frühstück zu essen und anschliessend in die Badewanne zu gehen. Die Wellen kamen von Anfang an in Abständen von fünf oder sogar nur drei Minuten. So mussten wir unsere Versuche, eine komplette Hypnobirthing Anleitung durchzuführen immer wieder unterbrechen. Ich konzentrierte ich mich also auf die Atmung, stellte mir mein Becken offen und weit vor und mein Partner beschrieb mir immer wieder die sich öffnende Rose. Wir waren ruhig und ich fühlte mich vollkommen sorglos. So lange hatte ich mich nun mit den Übungen und Bildern einer einfachen, wunderbaren Geburt beschäftigt, dass ich keine Spur von Angst verspürte. Das Ziehen und Brennen in meinem Bauch konnte ich als natürliche Ereignisse auf dem Weg zu meinem Kind erleben. Bald würden wir es endlich in unsere Arme schliessen können, es sehen, riechen und seine Wärme spüren. Welch wunderbare Aussicht!

Wir verabredeten uns mit der Hebamme um eins im Geburtshaus. Vor dem Eingang stand ein Rosenstrauch in voller Blüte. Mein Partner hielt inne und zeigte auf die Rosen. „So wie die Rose, so musst du dich öffnen. Du bist ganz offen, öffne dich ganz weit. Denk immer an die Rose.“ So betraten wir das Geburtshaus. Die Hebamme leitete mich gekonnt an, die Wellen im Stehen am grossen Bett zu veratmen. Auch sie benutzte Wörter wie weit, offen, loslassen, was mich sehr unterstützte. Nach einiger Zeit begab ich mich in die grosse Badewanne. Ich kauerte mich im unteren Teil hin und konnte mit dem Rücken am Wannenrand anlehnen. Die Arbeit im Wasser war angenehmer, mein Bauch fühlte sich weicher an und durch die Wärme entspannte ich mich spürbar. Immerwährend massierte mein Partner mein Gesicht, meine Backenmuskeln, sprach die Visualisierungen aus und kühlte mir das Gesicht mit einem nassen Tuch. Die Hebamme liess uns immer wieder für längere Zeit alleine und zusammen konnten wir arbeiten und unsere freudige Erwartung teilen. Der Raum war in angenehmen, warmen Farbtönen gehalten und die Sonne strahlte zum Fenster herein.

Wir waren zeitlos, doch viel Zeit verging, ohne dass unser Kind sich tiefer ins Becken senkte. Auch die Fruchtblase war immer noch intakt. Die Hebamme besprach mit uns die Situation und wir beschlossen, nach einer weiteren Stunde die Blase zu öffnen, falls sie sich nicht von selbst öffnen würde. Wir hatten Zeit uns auf die Situation einzustellen und zu bedenken, was für das Kind das Beste sei. Immer wieder hörte ich die Worte unserer Hypnobirthing Kursleiterin: „Welchen Verlauf die Geburt auch nehmen mag, es ist immer richtig, so wie es ist.“ Als es schliesslich zur Blasenöffnung durch die Hebamme kam, war das Fruchtwasser grün. Erneut besprach sie sich mit uns. Nun müsse die Geburt voran gehen, innerhalb einer weiteren Stunde müsste das Kind deutlich ins Becken hinunter rutschen. Sonst würde sie uns ins Spital fahren. Sie erklärte uns, dass das Geburtshaus für einen komplizierteren Verlauf nicht für das Wohl von Mutter und Kind garantieren könne. Erneut stellten wir uns auf die neue Situation ein. Wir wollten eine ruhige Geburt, ohne Angst um das Kind und wie sie auch sein mochte, es war richtig so.

Nach einer weiteren Stunde beschlossen wir den Wechsel in die Uniklinik. Unsere Hebamme besprach alles in Ruhe mit uns: dass sie uns anmelden und uns fahren würde und sie beschrieb den genauen Ablauf bei der Ankunft im Spital. Die Entscheidung fiel für das Kind, ich spürte, dass meine Kräfte langsam nachliessen und dass es auch deshalb der richtige Weg war. Dennoch befiel mich eine leise Traurigkeit, welche sich in einem kurzen und heftigen Erbrechen vor dem Geburtshaus aus mir heraus schüttete. Der Transport war gleich dem Prozess, den mein Partner ich durchmachten in dieser Phase der Geburt: Er war unangenehm, unbequem, es ging zu langsam, aber wirwaren auf dem richtigen Weg.

In der Uniklinik wurden wir gänzlich unaufgeregt empfangen. Ruhige und kompetente Hebammen nahmen uns auf, unsere Hebamme übergab alle Daten und wichtigen Informationen, so dass wir uns auf uns konzentrieren konnten. Dennoch erlebte ich einen Kräfteeinbruch, meine Motivation schmolz mit dem stecken des Venflons dahin. Plötzlich war ich krank, schwach und lag in einem Spitalbett. Nach einiger Zeit stieb wieder ein Funken durch mich hindurch. Genau deshalb hatten wir uns für das Geburtshaus entschieden gehabt. Dort war man nicht krank, dort gebar man Leben. Und hier wollte ich dasselbe tun! Und wenn es nun halt zu Komplikationen kam, dann wollte ich die Möglichkeiten ausschöpfen und mich in die neue Situation hinein geben.

Nach einer weiteren Phase der Arbeit mit den Wellen ohne messbare Senkung des Kindes stimmte ich einer PDA zu. Die Hebammen erklärten, dass ich mich durch die PDA möglicherweise in einem Masse entspannen konnte, welches die Senkung des Kindes in mein Becken begünstigen würde. Meine Beine würde ich immer noch spüren. So könnten wir den Kaiserschnitt als letzte Massnahme vielleicht verhindern. Ich willigte ein, meine Kraft war am Ende, seit nunmehr zwölf Stunden hatte ich alle fünf Minuten Wellen gehabt. Ich nahm die Hilfe gerne an. In den nächsten beiden Stunden hatten wir wieder viel Zeit für uns. Die Wellen spürte ich nur noch als leichtes Ziehen, wir machten leichte Übungen, ruhten uns etwas aus und erhielten immer wieder die Bestätigung, dass es unserem Kind gut ging.

Danach schätzten die Hebammen wiederum mit uns die Situation neu ein. Bis Mitternacht müssten Presswehen einsetzen, also das Kind wirklich auf dem letzten Wegstück sein. Ansonsten würden sie einen Kaiserschnitt vornehmen in der Annahme, dass das Kind nicht durchs Becken kommt. In der Zeit bis Mitternacht bemühten sich die Hebammen mit viel Feingefühl und speziellen Tricks unserem Kind auf die Sprünge zu helfen. Für mich als Gebärende war dies ein tolles Gefühl, ich fühlte mich sicher und von echten Menschen umgeben, die mich unterstützten und ermutigten. Da wurde noch am Becken gerüttelt und die Hüfte gelockert, Nadeln gesteckt und sogar gelacht.

Als es schliesslich kurz vor zwölf war, stand in meinem Kopf schon fest: Das Kind würde nun geholt werden. Es war gut so. Bald würde ich es endlich in meinen Armen halten! Endlich, nach diesen langen Monaten, nach diesem langen und abenteuerlichen Tag! Offenbar war dies sein Weg um auf unsere Welt zu kommen.

Die Vorbereitungen verliefen ruhig, routiniert und unter vollem Einbezug meines Partners. Er wurde eingekleidet, während ich für die Operation bereit gemacht wurde. Im Saal schien das Team eingespielt und völlig sicher. Man stellte sich vor und erklärte uns, wie genau sie das Kind holen würden. Das war elementar wichtig für mich. Der betreffende Arzt erklärte, sie würden die Gebärmutter öffnen und dann das Kind wie bei der Spontangeburt nach unten „arbeiten“, damit es ein natürliches Geburtsgefühl erlebe. Dann würden sie es aus der Öffnung heben. Mein Partner könne kurz danach zum Kind nach nebenan gehen und es dann sofort zu mir bringen.

So geschah es. Mein Partner sass auf Kopfhöhe an meiner Seite, war ganz nah. Ich spürte, wie jemand auf meinem Bauch drückte, sich nach unten bewegte und stellte mir ganz deutlich vor, wie nun unser Kind geboren wurde. Wie ich mich öffnete um es raus zu lassen, wie es seinen Weg suchte und alles richtig machte. Gemeinsam hörten wir kurze Zeit später den ersten leisen Schrei unseres Sohnes. Bald nachdem er raus geholt worden war, brachte ihn mein Partner zu mir. Unter einem vor dem Neonlicht schützenden Dach aus Operationstüchern erlebten wir zusammen die ersten kostbaren, magischen Minuten zusammen mit unserem Sohn Miro. Er war wunderwunderschön, atmete leise und war in warme Tücher gewickelt.

Danach wurden mein Partner und Miro zurück in den Geburtssaal gebracht, während ich zugenäht wurde. Für meinen Partner wurde eine Liege bereitgestellt, wo er Miro auf seine nackte Brust legen konnte. Als ich schliesslich kam, bot sich mir ein zutiefst rührendes Bild von einem Vater mit seinem Sohn – der auch meiner war! Während den folgenden zwei Stunden waren wir allein mit Miro. Er suchte meine Brust, krabbelte selber hoch und machte alles wunderbar. Wir hörten leise Musik und hiessen ihn in unserer Welt willkommen. Alles war gut.

Wie wir uns auf die jeweils neue Situation eingestellt hatten, taten wir es dann auch nach der Geburt. Wir entschieden uns spontan für das Familienzimmer, welches wir für einen Zuschlag bekommen konnten. Die nächsten zwei Tage gehörten nur uns und unseren nächsten Angehörigen. Wir genossen unsere Dreieinheit und erlebten eine tadellose Versorgung, bei der all unsere Wünsche respektiert wurden. So lag Miro stets Haut auf Haut mit uns, schlief in unserem Bett und konnte in einer intimen ruhigen Atmosphäre seine ersten Stunden erleben. Nach zwei Tagen zogen wir um nach Hause, wo wiederum unsere Hebamme sich während den nächsten Tagen um uns kümmerte und sich mit uns über das neue Glück freute.

Obwohl unser Sohn per Kaiserschnitt zur Welt kam, habe ich eine Geburt erlebt. Und obwohl wir keine Zeit mehr hatten, Anleitungen durch zu führen, habe ich enorm viel aus der Geburtsvorbereitung umsetzen können: Ich konnte mich auf die Geburt als etwas Schönes und nicht in erster Linie schmerzhaftes freuen, konnte mich zusammen mit meinem Partner vorbereiten, mit ihm unsere Wunschgeburt planen und konnte gleichzeitig lernen, ganz offen zu bleiben für alles, was kommt. Wir konnten zu Hause zusammen arbeiten mit den Hypnoseanleitungen, welche im Übrigen auch für ihn sehr entspannend waren. Ich erlebte Hypnobirthing als Leitfaden und wertvolle Begleitung vor, während und nach der Geburt.